Vorzug für ein mittleres
Gas- und Dampfkraftwerk (GuD)
Positionspapier der WG Die Grünen Datteln vom 14. März 2005
In Datteln muss das bestehende e.on Bahnstromkraftwerk, mit dem in Kraft-Wärme-Koppelung auch die Fernwärmeversorgung unserer Stadt vorgenommen wird, in einigem Jahren aus Altersgründen stillgelegt werden. E.on Kraftwerke hat die Absicht geäußert, ein Nachfolgekraftwerk zu errichten und dieses ebenfalls wieder mit Steinkohle zu befeuern. Das neue Kraftwerk soll östlich des Kanals gebaut werden. Die Anlage soll einen deutlich besseren Wirkungsgrad und mit 1020 MW mehr als die dreifache Leistung haben.
Politisch sind nun zwei Dinge zu entscheiden:

• Soll Datteln Kraftwerksstandort bleiben?
• Macht Datteln Vorgaben zur tolerierbaren Größe der Kraftwerksanlage und zum eingesetzten Brennstoff?

Zur ersten Frage:

Da Datteln mit einem weiträumigen Fernwärmenetz ausgestattet und fast die Hälfte des Raumwärmebedarfs mit Hilfe von Fernwärme gedeckt ist, wird ein Ersatzkraftwerk gebraucht. Denkbar ist allerdings auch, die Stadt aus der zu verlängernden Fernwärmeschiene des Ruhrgebietes zu versorgen.
Weniger Energieverluste gibt es aber, wenn die Wärme vor Ort bereit gestellt wird. Daher sollte in Datteln auch weiterhin Nutzenergie bei Anwendung der Kraft-Wärme-Koppelung gewonnen werden. Hierbei wird die eingesetzte Primärenergie zu einem bedeutend besseren Prozentsatz ausgenutzt.

Der gerade in Kraft getretene Gebietsentwicklungssplan Teilabschnitt Emscher/Lippe sieht auf der östlichen Kanalseite eine 25 Hektar große GIB Fläche mit der Zweckbestimmung Kraftwerke vor.
Der Wechsel auf die andere Kanalseite bietet Vorteile, denn es vergrößert sich der Abstand zur Wohnbebauung, und ein neues Kraftwerk kann schon errichtet werden, wenn das alte noch in Betrieb ist.

Wenn Datteln Kraftwerksstandort bleibt, werden Arbeitsplätze am Ort erhalten. Die Wertschöpfung kommt der Wirtschaftskraft unserer Stadt zugute.

Aus diesen Gründen stimmt die Wählergemeinschaft Die Grünen diesem Kraftwerksstandort zu und wünscht die Aufstellung eines Bebauungsplanes auf der gesicherten Fläche.

Zur zweiten Frage:

Grüne Politik arbeitet von Anfang an für einen Abschied von der Atomenergie und für den Vollzug der Energiewende. Wie wir auch in unserem Kommunalwahlprogramm betont haben, möchten wir einen schnellen und umfassenden Umstieg auf erneuerbare Energien. Auf dem Weg dorthin möchten wir den Energieträgermix so verändern, dass ein Höchstmaß an Klimaschutz erreicht wird.

Nach grünem Politikverständnis ist die Ansiedlung eines Kraftwerkes eine kommunale Aufgabe, bei der aktive Mitgestaltung verlangt ist und Handlungsräume vorhanden sind. Es geht nicht nur darum, lediglich Flächen zur vollständigen Umsetzung fremder Investitionsentscheidungen freizugeben.
Durch Festlegungen in der Bauleitplanung und im Bebauungsplan sollte sowohl auf die Auswahl des Energieträgers als auch auf die Dimensionierung der Kraftwerksanlage und die von ihrer Größe abhängigen und trotz Umweltauflagen verbleibenden Emissionen Einfluss genommen werden.

Nach intensiver Beschäftigung mit der Gesamtthematik stellt die Wählergemeinschaft Die Grünen deshalb fest:

• Wir können uns nur dann mit einem Kraftwerk auf unserem Stadtgebiet einverstanden erklären, wenn es in Bezug auf Klimaverträglichkeit höchsten Anforderungen genügt. In dieser Hinsicht weist ein hocheffizientes Gas- und Dampfkraftwerk (GuD) wesentlich bessere Emissionswerte und einen deutlich höheren Wirkungsgrad auf als ein Steinkohlekraftwerk. Ein GuD Kraftwerk ist deshalb vorzuziehen.

• Wir verlieren nicht aus den Augen, dass sich der vorgesehene Kraftwerksstandort trotz des Wechsels auf die andere Kanalseite in relativer Nähe zum Siedlungsbereich und auch zum Zentrum unserer Stadt befindet. Das bis jetzt von Eon geplante Kraftwerk weist aufgrund seiner außergewöhnlich hohen Bruttoleistung von 1100 MW in nur einem einzigen Block bei den Komponenten Kühlturm und Kesselhaus Abmessungen auf, die in dieser engen Nachbarschaft unverträglich und nicht hinnehmbar sind und die eine weitere geordnete Entwicklung unserer Stadt erschweren.

• Wir meinen, dass angesichts der Klimarisiken und der vereinbarten und notwendigen Reduktionsziele bei den CO2 Emissionen die Energieerzeugung so vorzunehmen ist, dass die eingesetzte Primärenergie so optimal wie möglich ausgenutzt wird. Große Kraftwerkseinheiten der 1000 Megawattklasse bleiben zu einseitig Stromerzeuger, die trotz verbesserter Wirkungsgrade und kleiner anteiliger Fernwärmeleistung immer noch einen zu großen Anteil der Primärenergie ungenutzt lassen. Bei kleineren Kraftwerkseinheiten ist der Ausnutzungsgrad im Kraft-Wärme-Kopplung besser zu gestalten (Bis zu 80 Prozent). Mögliche kurzfristige Kostenvorteile von Großkraftwerken werden durch vermehrte Umweltschäden aufgewogen. Und außerdem kann man auch in mehreren kleineren Kraftwerkseinheiten dezentral mit weniger Leitungsverlusten Grundlaststrom bereitstellen.

• Wir kennen die Emissionen unseres bestehenden Kraftwerkes bei den einzelnen Schadstoffen aus den jährlichen Veröffentlichungen des Landesumweltamtes. Wir achten es nicht gering, dass die schädlichen Emissionen im Nahbereich der Anlage mit der fast dreifachen Größe des neuen Kraftwerkes wachsen werden. Auch wenn die einzelnen Schadstoffe gesetzlich auf Milligramm oder Nanogramm pro Kubikmeter begrenzt werden, könnte doch angesichts der gewaltigen Volumenströme eine kritische Schwelle überschritten werden. Auch die Auswirkungen auf das Mikroklima (z.B. Verschattung durch Dampfschwaden) wachsen mit der Größe der Anlage. Daher setzen wir zur Sicherheit auf räumlich verteilte kleinere Anlagen.

• Wir sprechen uns auch deshalb gegen die Größe des von Eon geplanten Kraftwerkes und für weiterhin mehrere kleinere Einheiten aus, weil das neben den bereits genannten Vorteilen auch zu mehr Beschäftigung führt. Werden die hiesigen Eon Kraftwerke Knepper in Dortmund, Shamrock in Eickel und Datteln wie beabsichtigt durch nur einen neuen Kraftwerksblock hier ersetzt, bleiben von jetzt 256 noch 70 Arbeitsplätze (Angaben Eon). Selbst am verbleibenden Standort Datteln gehen mehr als 30 direkte Arbeitsplätze verloren.

Anmerkungen zu einzelnen Punkten

Aus gutem Grund wächst der Anteil hocheffizienter Gas- und Dampfkraftwerke weltweit bei der Erneuerung des Kraftwerkbestandes rasant. Der wesentliche Vorteil ergibt sich beim Vergleich verschiedener fossiler Brennstoffe.
Wird Erdgas in einem modernen GuD Kraftwerk verfeuert (Wirkungsgrad 58 %), wird pro Kilowattstunde Strom ein CO2 Äquivalent von 420 g CO2 freigesetzt.
Bei einem modernen Steinkohlekraftwerk (Wirkungsgrad 44 %) liegt der Wert doppelt so hoch. Es sind 880 g CO2 Äquivalent. Und dieser Wert steigt noch, wenn Importkohle zum Einsatz kommt und die CO2 Belastung durch lange Transportwege eingerechnet wird.

Neue GuD Kraftwerke erreichen heute sicher einen Wirkungsgrad von 57 Prozent. Dieser hohe Wert ist möglich, weil zwei Turbinenprozesse hintereinander geschaltet werden. Der extrem heiße Gasstrahl des unter hohem Druck verbrannten Gases treibt zuerst eine Gasturbine. Beim Verlassen der Turbine liegt die Temperatur des Gases immer noch bei 500 Grad. Mit dieser Temperatur kann wie in einem herkömmlichen Kraftwerk Dampf erzeugt werden, der nun noch zusätzlich eine Dampfturbine treibt.

Die Auskoppelung von Fernwärme mit hohem Nutzungsgrad ist auch möglich und wird an vielen Orten in Deutschland bereits praktiziert.

Ein weiterer Vorteil bei den Gas- und Dampfkraftwerken ist ihre leichte Steuerbarkeit. Sie können in kürzester Zeit auf Schwankungen im Energiebedarf reagieren und passen daher wesentlich besser in ein Stromnetz, in das in Zukunft dezentral an vielen Stellen regenerativ erzeugter Strom eingespeist wird.

Bei Leuten, die den Klimaschutz an die erste Stelle ihrer politischen Ziele setzen, erfahren Gaskraftwerke wegen dieser bedeutenden Vorteile große Unterstützung.
Die Befürworter der Fortsetzung der Verstromung von Steinkohle berufen sich auf die Punkte Versorgungssicherheit und Preiswürdigkeit. Zwar stimmt es, dass die Kohlevorräte noch länger reichen werden und gleichmäßiger über die Erde verteilt sind als Gas. Doch importabhängig sind beide Brennstoffe, und wer weiß schon, in welcher Weise sich die Umweltauflagen, die Energiepreise, die Steuern auf Energieträger (EU Richtlinien) und die Emissionsrechte in den nächsten vier Jahrzehnten verändern werden.

Einige Zeit werden wohl beide Kraftwerksarten nebeneinander bestehen. Und da ist es gut, dass es jetzt beachtliche Fortschritte bei der Steigerung des Wirkungsgrades bei Kohlekraftwerken gibt.

Doch selbst wenn beide Kraftwerksarten aus ökologischer Sichtweise völlig ebenbürtig wären, würden wir Grünen uns für den Standort Datteln ohne Frage ein 400 bis 600 MW Gas- und Dampfkraftwerk wünschen. Dafür ist die Siedlungsnähe des geplanten Standortes ausschlaggebend.
Der Eingriff in die Stadtstruktur erreicht beim GuD nicht die Dimensionen wie beim Großkraftwerk auf Kohlebasis. So wird bedeutend weniger Freifläche in Anspruch genommen, denn einen neuen Hafen am Kanal, einen großen Kohlelagerplatz mit Staubabwehungen, die Nebenanlagen für die Rauchgasreinigung benötigt ein Gaskraftwerk nicht.

Und besonders wichtig: Ein Gaskraftwerk benötigt keinen Kühlturm mit über hundert Metern Durchmesser und 180 Metern Höhe. Es kommt mit wesentlich niedrigeren Hallen und kurzen Abzugkaminen auf der Turbinenhalle aus. Es lässt sich auch wegen seiner geringeren Emissionen in Stadtnähe eher verantworten.

Wer sich eine Vorstellung machen möchte, was auf Datteln zukommt, möge sich in Bergheim den Komplex des neuen Blocks K beim RWE Braunkohlekraftwerk Niederaußem ansehen, der vor zwei Jahren am Rand eines Tagebaues fertig wurde. Dort kann man sich ein Bild machen, welche Baumasse ein Kraftwerksblock mit 1000 MW erzeugt.

Wenn Eon aufgrund der Renditeerwartungen dabei bleibt, dass zur Zeit große Monoblöcke neu gebaut werden müssen, dann ist mit Recht zu fragen, ob ein siedlungsnaher Standort solch ein Großkraftwerk erträgt und ob für diese neue Kraftwerksgeneration nicht auch das passende Umfeld gesucht werden muss.

Da für uns die Klimafreundlichkeit von Kraftwerken an der ersten Stelle steht, da wir in einer dezentralen Kraftwerksstruktur mit kleineren Einheiten große Vorteile sehen und da das jetzt geplante Kraftwerk für den siedlungsnahen Standort zu groß dimensioniert ist, geben wir dem Investitionswunsch von Eon nicht unsere Unterstützung.
Hätten wir zu entscheiden, ob ein mittleres Gas- und Dampfkraftwerk in Datteln gebaut werden könnte, fiele unsere Entscheidung positiv aus.

14. März 2005
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